Wochengruß von Pastorin Julie Danckwerts

„Es ist fein, recht und jetzt noch löblich, dass man die Stätte, da die Christen liegen, in Ehren hält und ehrliche Begräbnisse stiftet und erhält.“  (Martin Luther)

Mit gesenktem Kopf stolpert er über den Friedhof. Hat keine Augen und Ohren für das, was um ihn herum geschieht. Hat keinen Sinn für die Toten und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Sein Blick geht nur aufs Handy, starr, gebannt. Er ist auf der virtuellen Jagd nach kleinen bunten Monstern. Sobald er eines erwischt hat, zucken kurz die Mundwinkel nach oben.
Diese Szene hat sich schon auf einigen Friedhöfen so abgespielt. Denn das Spiel „Pokémon Go“, in dem der Handybesitzer auf die Jagd nach Pokémon-Figuren geht, macht auch vor Friedhöfen nicht Halt. Da wird für mich eine Grenze überschritten. Die letzte Ruhestätte unserer Verstorbenen soll mit Würde und Andacht behandelt werden. Das Lutherwort spricht vielen, die einen geliebten Menschen verloren haben, aus der Seele.
Doch andere Länder, andere Sitten! In Mexiko gehen die Menschen ganz anders mit ihren Friedhöfen um. Im mexikanischen Volksglauben spielt der día de los muertos, der „Tag der Toten“ (1./2. November), eine große Rolle. Die Menschen erwarten die Seelen ihrer Verstorbenen, die ihnen einen Besuch abstatten. Von Trauer, die an diesen Tagen auf deutschen Friedhöfen vorherrscht, ist dabei nichts zu spüren. Im Gegenteil, die Stimmung ist fröhlich-beschwingt. Die Menschen freuen sich auf ein Fest mit ihren Verstorbenen. Straßen und Häuser werden geschmückt und auch die Friedhofsgräber werden bunt hergerichtet. Überall wird gefeiert. Zum Abschluss ziehen alle Familien gemeinsam zum Friedhof und feiern mit Essen, Musik und Tanz dort den Abschluss der Totenbesuche.
Was Luther wohl dazu gesagt hätte? Vielleicht wäre es ihm zunächst genauso befremdlich vorgekommen wie vielen von uns. Und doch ist es nicht nur Trauer, die wir spüren, wenn wir an unsere Toten denken. Manchmal lachen wir, bei schönen und lustigen Erinnerungen. Spüren Dankbarkeit, dass wir einander im Leben begleiten durften. Und sind dankbar, dass wir sie in gute Hände abgeben durften.
„Gott wird dich mit seinen Fittichen decken und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln“(Psalm 91,4).

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Zum siebten Male schreiben Pastorinnen und Pastore, Diakoninnen und Diakone für den Wochengruß, der hier zu lesen ist. Dabei haben in diesem Jahr alle nachgeschaut, was sie schon mal für die Zeitung geschrieben hatten. Die Zeitungen in unserem Kirchenkreis erlauben uns an jedem Samstag ‚Gedanken zum Sontag‘ zu veröffentlichen. Viele machen dabei regelmäßig mit. Nun finden Sie im Wochengruß eine dieser Zeitungsandachten aus den vergangenen Jahren wieder. Das Motto lautet: ‚Weil’s in der Zeitung stand …‘. Zum kommenden Jahr werden diese gesammelten Wochengrüße dann in einem Kirchenkreisbuch veröffentlicht, das alle Mitarbeitenden in den Gemeinden als Geschenk des Kirchenkreises mit Dank für ihr Engagement erhalten.